Es war ein verregneter November- morgen
Ein kleiner Ausschnitt aus meinem Buch "N.I.S.T. ..."

Es ist ein windiger und regnerischer Tag. Alexander sitzt in einem Passat von VW auf der Autobahn in Richtung Nürnberg und ein älterer Mann mit Halbglatze, braunen Haaren, die mit einem Hauch von Grau meliert sind, sitzt am Steuer.

„Wie weit ist es noch nach Nürnberg?“

fragt Alexander mit ruhiger und etwas trauriger Stimme.

Langsam und mit ernstem Gesicht, dreht sich der Mann zu ihm rüber.

„Nicht mehr weit, bloß noch einhundert achtzig Kilometer!“

„Ich habe etwas Angst, Herr Beier!“

„Vor was denn?“

„Weis ich nicht, aber mein Bauch sagt mir, dass es mir da nicht gut gehen wird!“

„Das ist Quatsch, ich habe mit den Leuten schon geredet! Sie sind alle sehr nett und dein Bruder war doch auch dort!“

„Na ja, ich werd’s ja sehen!“

Alexanderanders Gesicht sprach Bände, ob wohl es ihm etwas besser ging. Er kannte das N.I.S.T. schon, da sein älterer Bruder André in diesem Heim war. Sein Bruder ist damals freiwillig zur Jugend- Notstelle in Berlin Neukölln gegangen, da er es zu Hause nicht mehr aushielt. Aber im Großen und Ganzen konnte er auch nicht in seiner Familie bleiben, da diese Familie für ihn nur noch nach Prügel, Terror, Einsamkeit und Hausarrest aussah. Als Herr Beier und Alexander in Nürnberg ankamen, hatte sich das Wetter etwas gebessert. Sie suchten sich auf einem großen Stadtplan, der an einer Straßenbahnhaltestelle angebracht war, die Straße, in der sich das Heim befinden sollte. Sie fanden es schnell, denn sie war nicht mehr weit entfernt. Kaum an diesem Haus angekommen, sah sich Alexander um, und seine Augen blieben vor einem silbernen, mit schwarzer Inschrift geschriebenen Schild stehen.

„N.I.S.T., Nürnberger Initiative für Sozialtherapie, was ist das denn für ein Name?“

Herr Beier schaute Alexanderander an und lächelte fast bis zu den Ohrläppchen.

„Du kannst ja bei der Abkürzung bleiben, oder du denkst dir etwas anderes aus!“

Alexanderander nickte nur mit dem Kopf und fragte sich, was daran jetzt so witzig sei. Ihm war überhaupt nicht zum Lachen zumute, war er doch gerade aus seiner Heimat Berlin heraus gerissen worden. Allerdings, hatte er ja auch aus freien Stücken zugesagt, als man ihn vor die Wahl stellte, ob er nach Nürnberg oder an die Ostsee gehen wolle. In Berlin hätte er sicherlich keine Zukunft gehabt. Nicht nach dieser verkorksten Vergangenheit, mit Drogen, Anzeigen und keinem Schulbesuch mehr!

Das Haus sah von außen sehr verwahrlost aus und der Weg zur Haustreppe bestand nur aus Sand. Alexanderander zählte acht Stufen bis nach oben zur Haustür und rechts war ein altes Geländer, das ziemlich verrostet war, woran er sich keines Falls festhalten wollte. Herr Beier klingelte und als sich die Tür öffnete, dachte Alexander, es sei jetzt ein neuer Beginn. Und als ihm die letzten Bilder aus Berlin noch einmal durch den Kopf gingen, da hätte er fast geweint. Aber er hat es sich verkniffen, da er nicht als Demel* dastehen wollte.

„Hey Alexander, schläfst du?“

Fragte Herr Beier.

„Nein, nein. Ich habe nur geträumt!“

Herr Beider verzog sein Gesicht und schüttelte erstaunt den Kopf, als würde er nicht verstehen können, dass man in solch einer Situation träumen könne. Der kleine vollbärtige, muskulöse Mann, der die Tür öffnete, hieß sie beide willkommen.

„Hallo, ich bin Thomas Ambert, wir haben dich schon erwartet!“

Alexander schaute ihn prüfend von oben bis unten an, und ließ dann ein lautes und grelles, „tach“ heraus.

Als Alexander im Flur stand, sah er einen großen, blonden Jungen vor einem Spiegel stehen, der sich sofort in den daneben liegenden Raum verzog, als er Alexander entdeckte. Als sie ins Büro gingen, stellte er beiden noch eine Frau Namens Irmgard Mehl und einen Mann Namens Jens Helwig, der eine Halbglatze hatte, vor. Sie setzten sich alle an einen Tisch und unterhielten sich. Aber Alexander bekam das alles gar nicht so richtig mit. War er doch wieder mit seinen Gedanken bei seinem besten Freund Günther, der jetzt bestimmt irgendwo in Berlin unterwegs war. Kurz bevor Alexander nach Nürnberg sollte, hatte er sich mit Günther noch in den Haaren gehabt. Und das ganze wegen der Freundin seines Freundes. Alexander hatte Angst, dass sein bester Freund nun die Freundschaft mit ihm beenden würde. Und dies war der kleine

aber doch traurige Gedanke der ihn in diese Stimmung versetzte.

Plötzlich ging die Tür zum Büro auf und ein Kopf streckte sich zu ihnen hinein. Er fragte Thomas, wann es die Getränke gäbe, die doch diese Woche anstehen würden. In der Zeit, in der Thomas antwortete, begutachtete er Alexander vom Scheitel bis zur Sole. Als er damit fertig war, knallte er die Tür zu, ohne auf die Antwort zu warten, und rannte in den Raum neben dem Büro. Lauter Getuschel und Lachen hörte man herüber und Alexander musste höhnisch grinsen über diese Situation. Er drehte sich zu Thomas um und fragte,

„Wie alt sind die denn alle hier so?“

Erstaunt und ein wenig verwundert schauten sie ihn alle an und Herr Beier schob ein.

„Alle so in deinem Alter, vielleicht ein Jahr mehr oder weniger!“

Da verging Alexander das Lachen und er wurde etwas nachdenklicher. Er konnte nicht verstehen, dass man sich mit vierzehn, ein

Jahr mehr oder weniger, so kindisch benehmen konnte. Oder hatte er es nur verlernt? Hatte er vergessen, bei all dem Ernst in seiner Kindheit, auch unbeschwert faxen machen zu dürfen?

„So´n Quatsch!“

Sagte Alexander.

„Was?“

Fragte ein aufmerksam dreinblickender Jens.

„Ach nichts! Ich habe nur laut gedacht!“

Entgegnete Alexander und wie es der Zufall wollte rettete ihn erneut das Öffnen der Tür. Ein weiterer Erzieher mit blonden kurzen Haaren und einem langen Bart trat ins Büro und schaute Alexander mit einem grinsenden Gesicht an.

„Oh je, schon wieder ein Ried!“

Dies war die erste Situation in der Alexander wirklich von ganzem Herzen lachte! Doch Alexander kam schnell wieder von seinem Lachfilm runter, war es doch für ihn eine sehr angespannte Lage in der er sich befand.

Und so glücklich über seine Lage wollte er nicht sein, schließlich waren seine Gedanken in Berlin und bei seinen Freunden.

Nach einer Weile fragte Alexander.

„Wann sind wir eigentlich fertig mit dem Gequassel? Im Endeffekt bleibt ja doch nur eine Möglichkeit für mich offen!“

„Und die wäre?“

Fragte Thomas.

„Na, ich muss hier bleiben!“

Alexander lächelte gequält, sank tief in die Lehne seines Sessels und blickte durch die Runde! Irmgard nickte leicht und sagte dann,

„da wirst du Recht haben, aber es wird dir hier gefallen. Glaube mir!“ Sie saßen noch alle eine Weile in der Runde und entschlossen dann, ihrem Neuankömmling das Haus zu zeigen. Sie gingen aus dem Büro und liefen über den Flur, der mit einem alten, gelben Linoleum Belag ausgelegt war, zur Treppe und


gingen in den zweiten Stock. Dort angekommen stellten sie ihm zwei Jugendliche vor. Der eine hieß Mannie Preßlau und der andere Anton Niemand. Der eine sehr hager, der andere etwas untersetzter. Alexander sah sie einen kurzen Moment an, dann fiel ihm mit einem Grinsen im Gesicht Dick und Doof ein. Behielt die aber lieber für sich. Schließlich kannte er sie ja noch nicht. Und mit solchen Sprüchen hätte er sich gleich alles versauen können. Das wusste er wohl. Das Zimmer, was ihm zugeteilt wurde, war sehr klein und das Bett stand genau unter einer Dachschräge. Gleich links neben der Tür standen ein kleiner Schreibtisch, an dem nur eine Person gerade so Platz nehmen konnte und ein kleiner Holzstuhl. Es waren keine Vorhänge am Fenster und es lag ein alter dreckiger Teppich im Zimmer. Nun kamen Alexander doch die Tränen, aber er versuchte sie mit aller Kraft zurück zu halten.

„Es ist zwar sehr klein, das Zimmer, aber bis du ein anderes hast, musst du mit diesem zurecht kommen.“


Alexander drehte langsam seinen Kopf zu dem Mann mit dem Vollbart und es kam nur ein leises, gestammeltes,

„Ja, Sir,“

heraus.

„Jetzt zeige ich dir noch die anderen Jugendlichen, damit ihr euch erst einmal beschnuppern könnt!“

Alexander wurde ganz flau im Magen, ging aber ohne weitere Ausflüchte mit. Sie gingen bis in den Keller zu einer Tür, die so zerstochen war, dass man glauben mochte, Thomas öffne einen Schweizer Käse.

"Also Jungs, dass ist Alexander aus Berlin!"

präsentierte er den Jungs den Neuankömmling. Fünf waren es, die auf einer alten, zerfetzten, langgezogenen Couch saßen. Sie spielten ein Atari- Videospiel namens Phoenix und die zwei ältesten rauchten was das Zeug hielt. In der Mitte des Raumes hing ein Sandsack, auf den Alexander zuging und mit einer festen Geraden, zuschlug.

„Hey, Super! Da fühle ich mich ja gleich viel wohler!“

Doch niemand nahm davon Notiz. Man konnte kaum atmen in diesem Raum, da die Luft geschwängert war mit Dunstschwaden von Zigarettenqualm, aber keiner hatte eine Zigarette in der Hand!

Als Alexander später in seinem Zimmer saß, um zu überlegen, was er als erstes anfangen sollte, klopfte es an der Tür. Es war etwas völlig Neues für ihn, da in Berlin jeder einfach in sein Zimmer kam, ohne anzuklopfen. Er sagte

„herein“

und die Tür öffnete sich langsam, bis Alexander einen muskulösen, schwarzhaarigen Jungen hereinkommen sah.

„Tach, ick bin Milan Burghard!“

Sein Berliner Dialekt war nicht zu überhören.

„Ick bin och aus Berlin! Bin aber schon seit dem ick zwölf bin hier. Jetzt bin ick sechzehn!“

Alexander bekam große Augen, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass es jemand hier so lange aushalten konnte.

„Wie lange muss man hier bleiben, bis man ausziehen darf?“

Fragte Alexander den sich schon auf das Bett gesetzten Milan.

„Frühestens bis siebzehneinhalb und mit achtzehn wirste praktisch rausjeworfen!“

Er erzählte Alexander sein halbes Leben, den es aber nicht im Geringsten interessierte. Er hatte im Augenblick genug mit sich selber zu kämpfen. Er hatte das Gefühl, nicht wirklich anwesend zu sein. Eher in einer fremden Welt, die wie ein, so wie er hoffte, kurzer aber heftiger Alptraum sei. Milan bemerkte nicht einmal, dass sich Alexander zweimal heimlich die Tränen aus dem Gesicht wischte. Nach einigen Minuten trat ein Zweiter in sein Zimmer, der es aber nicht für richtig hielt, anzuklopfen. Er setzte an und blökte in das Zimmer:

„Also du bist der Neue? Also hast du ja Unterstützung erhalten, aus deinem scheiß Berlin!“

Dann verschwand er wieder mit einem lautem Türknallen. Alexander fragte Milan, was das wohl für ein Vogel gewesen sei. Aber Milan winkte nur ab.

„Da musste nur weghör`n!“

Plötzlich kam der Jugendliche wieder in das Zimmer und brüllte herum.

„Wenn du mich noch einmal anredest, dann mache ich dich alle. Ich stech‘ dich ab, klar du Depp?“

Er hielt ein Messer in der Hand und streckte es Alexander entgegen.

Alexander sprangen die Gedanken nur so durch den Kopf. Erst dachte er, er wäre im Knast. Dann dachte er wieder an Berlin, wo seine Freunde bestimmt den ganzen Tag im Schwimmbad sitzen würden, um sich zu amüsieren, auch wenn der Badebetrieb nicht stattfinden würde im November.

Hatten sie doch einen so guten Ruf als Klicke, dass sogar der Besitzer des Freibades `Berlin – Wedding´ ihren Standort tolerierte. Sie waren keine

„Schlimmen Jungs, die nachts alte Frauen um die Ecke brachten,“

oder Jugendliche „Randalierer“, die nur zusammen waren, um Zerstörung von Fremdeigentum als Ziel vor Augen hatten.

Alexander schaute den Jungen an und dann Milan,

"Tue es doch!"

konterte er zurück. Hob sein T-Shirt hoch und streckte ihm etwas seinen Solarplexus entgegen. Der Jugendliche sah ihn geschockt an, ging dann aus dem Zimmer und ließ sich nicht mehr blicken. Milan lachte,

„du jefällst ma wa! Wat menste, wie wir bede Berliner hier uffräumen werden, wa?“

und ging ebenfalls.

Bei Alexanders erstem Abendessen passierte nicht viel. Er wurde wiederum allen vorgestellt, obwohl ihn alle schon kannten nach der Sache

mit dem Jugendlichen und Milans losem Mundwerk. Nun stellte sich auch jeder das erste Mal selber vor. Erst der Älteste, den Alexander vor dem Spiegel gesehen hatte, als er das Haus zum ersten Mal betreten hatte.


Olaf hieß er und er war sehr wortgewandt, aber hielt es für angebracht sich kurz zu halten. Alexander konnte merken, dass er diese Prozedur nicht mehr ab konnte. Dann kam der Junge, der ihn abstechen wollte.

„Mich kennt der schon!“

„Aber ich kenne deinen Namen noch nicht!“

„Paul Arnim!"

kotzte er ihm entgegen und wandte sich von Alexander ab.

„Na den habe ich schon sehr auf dem Kicker!"

Erwiderte Alexander um keine Schwäche zu zeigen.

Roland, der Erzieher mit den blonden Haaren und Bart, der beim Abendessen die Leitrolle spielte, da er ja der diensthabende Pädagoge zu diesem Zeitpunkt war, konnte nicht glauben, dass man sich schon am ersten Tag so in die Wolle kriegen konnte.

Mannie, der Dünne und Anton, den Dicken, kannte er auch. Mannie nannte sich aber Fredl. Alexander hatte an Fredl sofort Gefallen gefunden. Er war ruhig, sauber und intelligent. Aber was viel mehr auffiel, war, dass er sehr witzig war.

Der Vorletzte war Hermann Zwenig. Er quälte seinen Namen raus, so dass Alexander dreimal nachfragen musste, damit er ihn verstehen konnte.

Vielleicht machte Alexander dies auch etwas mit Absicht, um der Situation emotional entfliehen zu können. Den anderen gefiel das sehr, sie lachten sich halb kaputt. Nur Hermann blieb still und konnte darin keinen Spaß sehen.

Der Letzte war Karsten Ebert. Er fiel ihm sofort auf, weil er einen sehr gepflegten, teuren und eingebildeten Eindruck bei Alexander hinterließ. Milan, den sie auch `Bunki` nannten, war nicht im Haus. Denn er hatte eine Verabredung mit einem Freund. Es war den Jugendlichen auch gestattet, das Abendessen ausfallen zu lassen, wenn sie es mit den Erziehern vorher abgesprochen hatten.

Da Alexander am ersten Tag keinen Dienst machen musste, verzog er sich sofort zurück in sein Zimmer. Er hatte starkes Heimweh und auch in dieser ersten Nacht blieben ein paar Tränen nicht aus.

Er war sehr sensibel. Jedoch war er auch ein kleiner Kämpfer, der genau wusste, dass er immer wieder aufrecht aus schwierigen Situationen herauskam.

Er beschloss in dieser Nacht, sich auf jeden Fall bei seinem Freund Günther in Berlin zu melden und den Kontakt aufrecht zu erhalten.


2. Kapitel

Die Nacht war sehr lang. Er hatte nicht sehr gut geschlafen, da er sich fehl am Platz fühlte. Er machte immer wieder mal das Licht an und sah oft auf seine silberne, billige „5 DM Wegwerf- Uhr“. Seine Überlegungen gingen in so einer Situation in Richtung Berlin. Was er da wohl jetzt gerade getan hätte? Aber er sah sich immer am Bahnhof Zoo, wo er nach Drogen gefragt hatte mit geklautem Geld von seiner Mutter, oder aus Diebstählen von diversen Kassen, Freunden oder Prostitution. Alexander wollte seiner Einsamkeit, den Mangel an Liebe und familiärer Wärme entfliehen.

So gegen neun Uhr war Alexander wach und zog sich sehr schnell an. Nervosität konnte man in seinem Zimmer spüren, ja fast riechen. Es war sehr ruhig im Haus. Es schien als sei niemand da. Als Alexander Schritte hörte und es an seiner Tür klopfte, sprang er mit einem Satz, angezogen wie er war, in sein Bett und zog die Bettdecke bis hoch zu seinem Hals.

„Ja!“

Die Tür öffnete sich und Roland stand vor der Türschwelle.

„Na, hast du gut geschlafen?“

„Es ging so!“

Erwiderte Alexander und sah Roland fragend an. „Komm runter in die Küche. Da steht noch das Frühstück, bevor wir es wegräumen. Oder willst du kein Frühstück?“

Fragte Roland und drehte sich weg um zur Treppe zu gehen.

Alexander riss seine Augen auf und rief ganz laut, mit knurrenden Magen,

„doch, doch!“

sprang mit einem Satz aus den Federn und stand in der Tür. Roland drehte seinen Kopf zurück und blickte Alexander mit einem Grinsen an. Dann standen sie eine Sekunde lang da und sahen sich nur an. Es war eine von diesen Sekunden, bei denen man glaubt

sie enden nie und lassen eine bestimmte Antwort offen.

Dann lachten sie beide ganz laut und liefen zusammen die Treppe runter.

Alexander hatte Bauchkribbeln. War es schließlich das erste Mal das Alexander dort frühstücken ging. Er wusste nicht was ihn erwarten würde. Er hielt kurz in der Tür der Küche an, blickte hinein und sah aber niemanden. Kaum saß er am Tisch, ging der erste Griff zur Thermoskanne.

„Kaffee,“

schoss es aus Alexander heraus und das mit einem Ausdruck, als wäre es etwas, dass er noch nie getrunken hätte und hier im N.I.S.T. ist das Schlaraffenland in dem alles frei zugänglich wäre. Und die Hühner fallen gebraten vom Himmel.

In der Zwischenzeit war Roland in die Küche gekommen und setzte sich mit an den Tisch. Alexander verunsicherte die Aktion, da Roland erst einmal nichts von sich gab. Er fühlte sich

beobachtet und hatte das Gefühl er sitze in einem Zoo. Aber das schlimmste war, dass er das von seiner Mutter kannte. Bei ihr war er nie sicher was für eine Laune sie wieder hatte. Manchmal schlug sie Alexander aus heiterem Himmel mit dem Handrücken auf den Mund. Dann sagte sie erst warum sie es tat und dies dann auch noch mit den dümmsten Gründen die sich Alexander vorstellen konnte.

Zum Beispiel:

>Du hast schon wieder das Klopapier nicht gewechselt!<

Oder,

>warum verschüttest du deinen Kaffee?<

Und dafür gab es jeweils eine Schelle.

Und es spielte dabei keine Rolle ob sie ihm gegenüber saß oder gleich neben ihm.

Die Hauptsache war für seine Mutter, so glaubte Alexander, dass es ihm wehtat.

Roland saß ihm genau gegenüber und obwohl Alexander das überhaupt nicht mochte,

ließ er es sich nicht anmerken. Roland ließ keine lange Blickpause zu, sondern fragte gleich.

„Na, hast du dich schon etwas eingelebt?“

Alexander war gerade im Begriff in sein Brot zu beißen. Er legte es hin und reagierte sehr ungehalten.

„Meinst du etwa ich kann die nach zwei Tagen schon sagen, ob ich mich hier eingelebt habe?“

Er stand mit einem Ruck auf, rannte aus der Küche hinunter in den Hobbyraum. Er war zum Glück offen, so dass Alexander seine ganze angestaute Wut, die sich seitdem er hier angekommen war und angesammelt hatte, am Sandsack ausließ.

Als er sich einigermaßen beruhigt hatte und vor lauter Erschöpfung keinen Schlag mehr ansetzen konnte setzte er sich auf die Couch und starrte gegen die Wand. Es liefen auch ein paar Tränen.

Er versuchte sich zusammen zu reißen, da er das Gefühl hatte, es könne ja jeden Moment ein Erzieher hereinkommen.

Er schaltete den alten schwarz weiß Fernseher ein und die Atari- Spielkonsole. Es war nicht das Phönixspiel eingesteckt, sondern ein anderes Spiel das Alexander aus dem Gerät zog und in die Ecke feuerte.

Er konnte das Spiel noch nicht sehr gut, aber es half ihm, sich etwas abzulenken und sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Seine Gedanken und Gefühle konnten sich auf diese neue Situation einfach noch nicht einstellen, obwohl er sich wirklich bemühte.

Und warum er so reagierte wusste er genau. Er wollte nichts weiter als dieser Situation entfliehen. Alexander wollte für diesen Moment keine Fragen beantworten oder seine Gefühle analysieren lassen.

„Mein Gott! Ist das hier langweilig!“

Diese Reaktion von Alexander war zu dieser Zeit häufig anzutreffen, da er oft an Berlin und an seine dort geglaubte Freiheit dachte. Aber er wusste selbst, dass das was er in Berlin hatte, auch nicht das wahre war. Vor allem wusste er, dass seine Drogengeschichte, die er jetzt schon selber als Vergangenheit ansah, nichts für ihn und für seine Zukunft gebracht hätte. Er war auch sehr froh über die Erkenntnis, dass darüber nur Herr Beier vom Jugendamt und Irmgard Mehl, die Psychologin des Hauses bescheid wussten.

Da Alexander die meiste Zeit seiner Kindheit mit seinem Bruder auf der Strasse verbrachte, war es nur eine Frage der Zeit, dass er mit härteren Drogen in Kontakt kam. Als er acht wurde, war es die erste Zigarette auf einem Fußballplatz. Mit zehn der erste Joint, und an seinem dreizehnten Geburtstag das erste Mal Koks schnupfen und die erste Nadel mit H. Wirkliche Freundschaft gab es nicht. Doch das wusste Alexander zu der Zeit nicht. Denn alles war besser als zu Hause eingesperrt zu sein oder Prügel zu kassieren.

Nur Günther, den Alexander mit zwölf in der Hauptschule kennengelernt hatte, war der erste, wirkliche Freund, der nicht nur versuchte, Alexander von der Strasse fernzuhalten, sondern es auch teilweise schaffte.

Dies war vielleicht einer der Hauptgründe, warum Alexander weinte, wenn er an Günther und Berlin dachte.

Sehr viel Konzentration für das Spiel konnte Alexander nicht aufbringen. Er schaltete es ab und ging aus dem Hobbyraum nicht ohne noch einmal gegen den Sandsack zu schlagen.

Die Zeit war sehr schnell vergangen. Und als am Nachmittag einer nach dem anderen von der Schule oder Arbeit nach „Hause „ kam, hatte sich Alexander in sein Zimmer verzogen. Sicher war da auch etwas Scheu dabei, aber auch das gewisse nichts reden wollen. Jedoch als Bunki in sein Zimmer trat, war es aus mit der Ruhe. Aber Alexander war zumindest zufrieden, dass es kein anderer war. Bunkis Grinsen war unübertroffen. Er ließ ein paar Kraftsprüche ab, was Alexander seine Auge zur

Decke hochziehen ließ, aber Alexander klar machten, dass Bunki nur ein großer Maulheld sein konnte. Seiner Statur auch jedoch etwas draufhaben musste. Aber Alex hatte auf der Strasse gelernt, dass nicht nur Muskeln wichtig waren zum Überleben. Alex hörte Bunki aufmerksam zu und als Bunki fertig war und tief durchatmete, fragte Alex ablenkend,

„was gibt es eigentlich zum Essen?“

„Was es zum Essen gibt?“

„Ja?“

Bunki verzog da Gesicht, drehte seinen Kopf zur Seite und stammelte in seinen sehr kurzen, fast nicht zu sehenden Bart:

„ Jetzt sitzda den janzen Tach hier rum, muss nich inne Schule und fracht mich, der vor zwanzich Minuten jekommen is, wat es zu fressen jibt?“

Es klang sehr zornig, so wie er es sagte. Aber er hatte trotzdem ein kleines Lächeln auf den Lippen.

Dann schauten sich beide an, und lachten sich gegenseitig höllisch an. Bunki nickte Alex mit dem Kopf als Zeichen zu runter in die Küche zu gehen. Als sie beide in der Küche eintrudelten, war der Tisch gedeckt und es

stand ein riesengroßer Topf mitten auf dem Tisch und zwei Schüsseln mit Salat daneben.

Bunkis erster Griff ging allerdings nicht an den Topf, um nachzuschauen was drin ist – nein, er ging an den Kühlschrank, um ihn aufzumachen, aber ihn gleichzeitig mit dem Fuß und mit einem lauten, „würgs“

wieder zu schließen. Dann setzte er sich an den Tisch, nahm den Deckel vom Topf herunter und nahm sich mit der Kelle eine große Portion von dem Eintopf mit den dicken Feuerbohnen.

„Was gibt’s denn?“

fragte Karsten, der gerade die Küche betreten hatte.

„Immer denselben Schieß!“

antwortete Bunki Karsten schlenderte um den Tisch herum, den Eindruck erweckend, kein Stuhl wäre der richtige Platz für ihn, schaute Alex an, der schon fleißig am Kauen war, als wäre es eine Schande so etwas zu essen. Alex schien diese Reaktion nicht zu berühren, da er schließlich schon seit Ewigkeiten nichts Warmes mehr im Bauch hatte. Und wahrlich war das Essen nicht schlecht! Niemand konnte ja wissen, dass Alex das letzte Mal vor 14 Tagen warm gegessen hatte.

Nach nicht allzu langer Zeit saßen alle am Tisch, die im Haus waren.

Auch die Zwei Erzieher, die im Dienst wäre. Roland und Dagmar. Dagmar hatte eine kleine runde Brille, über die Alex innerlich sehr schmunzeln musste. Ansonsten war sie recht hübsch. Als er fertig war mit essen, fragt er Roland, ob noch irgendetwas anstehen würde. Roland sagte nur „nein“, aber Alex müsse heute seinen ersten Dienst erledigen. „Was ist das, was ich machen muss?“

fragte Alex.

Roland drehte sich um, schaute auf einen Plan, der an einer Pinnwand hing, den sie erst neu angebracht hatten. Er glitt mit seinen Fingern über den Plan und antwortete nach etwas suchen:

„Hier steht: Ablage und Küche kehren. Der Besen ist im Schrank, dort am Fenster. Aber deinen Dienst musst du erst bis 20 Uhr fertig haben, okay?“

Alex nickte und ging dann langsam die Treppe rauf in sein Zimmer. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb noch einen Brief an Günther.

Eine Viertelstunde vor acht Uhr klopfte es an der Tür und Alex bat denjenigen einzutreten. Es war Fredl, der ihn noch einmal daran erinnerte, dass er seinen Dienst zu machen habe.

„Wenn du ihn nicht machst, musst du morgen zwei machen.“

„Ist schon gut Fredl. Ich mache ihn schon. Danke.“

Fredl bewegte sich langsam zur Tür, und drehte sich langsam, aber sehr selbstsicher noch einmal zu Alex um:

„Spiel einfach mit, dann kommen sie auch dir entgegen. Auch wenn es oft sehr schwer fällt und deppert is, Okay?“ Alex grinste ihn an und dankte ihm für seinen gut gemeinten Zuspruch und seinen Rat. Kaum war Fredl aus dem Zimmer verschwunden und die Tür leise geschlossen, ging Alex hinterher, schwang sich die erste Treppe zum ersten Stock hinunter und rutschte das letzte Stück zur Parterre auf dem Geländer hinunter. Den Aufsprung auf dem Boden versah er mit einem Telemark, so wie Skispringer es von der Schanze tun. Er ging in die Küche, schnappte sich einen Schwamm und wischte alles, was auf der Ablage war, nach unten auf den Boden. Olaf, der am Fenster stand mit einer Tasse in der Hand, beobachtete das rege Treiben von Alex. Er schwieg, obwohl Alex nicht sehr gründlich war. Er hätte ja etwas sagen können, schließlich war er ja der älteste Junge im N.I.S.T.

Als Alexander sich den Besen aus dem Schrank holte, ging Olaf, ganz ruhig und cool, ohne ein Wort zu verlieren, an einen anderen Schrank und holte eine weiße, ovale Dose, auf der „Zucker“ stand, heraus. Alexander dachte sich nichts dabei. Warum auch? Es war eine von vielen Regeln, dass sich jeder nehmen durfte was er wollte, ohne dass irgendein Elternauge streng auf ein Bitten hoffte. Und

vielleicht wollte er nur etwas Zucker in seinen Kaffee? Aber weit gefehlt. Olaf öffnete die Dose

und fing an, den Zucker langsam auf dem Boden zu zerstreuen. Auch dies machte er mit einer stoischen Ruhe, die an Kälte glich. Alexander beendete sofort das Fegen, blickte Olaf an und traute seinen Augen kaum. Doch er ließ es geschehen. Er schaute Olaf mit großen Augen an und seine Mimik signalisierte Wut, Erstaunen und Fassungslosigkeit.

„Macht dir das jetzt Spaß, du Stulle?“

Entgegnete Alexander mit einem seitlich gestellten Kopf und den Händen in den Hüften.

Olaf grinste ihn an und sagte schmunzelnd:

„Ja! „

Er stellte die Dose mit ruhigem und sicherem Griff auf den Tisch, schlenderte aus der Küche, Richtung Ende des Gruppenraumes zum Fernseher, ohne allerdings den Blick von Alexander abzuwenden.

„Oder willst du etwas dagegen tun?“

Setzte Olav noch einen nach und ließ sich im Gruppenraum auf das Sofa fallen. Er breitete die Beine aus und pfleetschte sich arrogant, seitlich vom Blickfeld Alexanders ab, hin.

Alexander sprang auf die Ablage in der Küche, blickte sich sitzend das Resultat an und wartete zwei, drei Minuten darauf, ob Olaf noch einmal zurückkommen würde. Doch er rührte sich nicht. Das einzige, was noch aus dem Gruppenraum zu hören war, war ein weiterer, nachgeschobener Satz:

„Und denk daran, du musst deinen Dienst fei gescheit machen!“

Alexander antwortete nicht, ließ ihn ziehen, obwohl er ihm innerlich am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre. Er wollte seine eigene Chance und prompt fiel ihm auch schon etwas ein. Er ging zum Dienstplan an der Pinnwand und suchte.

Flüsternd sagte er zu sich,

„Gruppenraum, wollen wir doch mal sehen wie gut du deinen Pflichten nachgehst.“

Er drehte sich schnell um, um nicht zu riskieren, dass Olaf ihn sah. Er beendete seinen Küchendienst, fegte alles ordentlich auf und ließ ihn vom diensthabenden Erzieher abnehmen.

Als er aus der Küche trat und den ersten Fuß auf die Treppe setzte, hörte er im selben Augenblick eine lautstarke Streiterei oben zwischen Fredl und Anton. Anton ließ Fredl nicht in Ruhe. Und Fredl versuchte, nachdem er es im ruhigen Ton nicht geschafft hatte, Anton lautstark vor seinem Zimmer zu vertreiben. Diese kleinen Reibereien zwischen den Beiden konnte man oft beobachten, und doch schien ihre Freundschaft unzerbrechlich. Als Alexander im ersten Stock war und gerade im Begriff war, zum zweiten Stock hinauf zu gehen, konnte er im Augenwinkel noch erkennen, dass Olaf den Staubsauger aus dem Hausflur holte. Alexander ahnte sofort, dass er

wohl jetzt seinen Dienst machen würde. Und sogleich drehte er auf seinem Hacken um, und ging wieder hinunter mit einem pfeifenden Blick an die Flurdecke gesetzt. Er folgte Olaf heimlich in die Küche, der sich gerade aufmachte im Gruppenraum das Saugen zu beginnen. Alexanders Weg jedoch führte ihn zum Lebensmittelschrank in der Küche, wo er eine Tür öffnete und nach der Dose mit dem Zucker suchte- aber diese war noch nicht neu aufgefüllt. Da Olaf schon den Staubsauger im Gruppenraum laufen ließ, begnügte sich Alexander mit der Dose Mehl. Er ging in den Gruppenraum, öffnete den Deckel ganz ruhig, ohne sich anmerken zu lassen, dass er riesiges Herzklopfen hatte, und verstreute langsam und bedächtig das Mehl auf dem Teppich. Es war ein filziger Teppichboden, der durch viele Jahre schon gegangen war. Und Schmutz konnte sich auch nicht mehr so sehr verfangen. Olaf, der die ganze Zeit gleichmäßig und wie dem Rhythmus einer Maschine folgend das Rohr des Staubsaugers bewegte, hörte langsam auf, bis er zum Stillstand kam. Sein Kopf drehte sich langsam seitlich nach oben, da er Alexander ja nur schemenhaft gesehen hatte. Er stellte sich gerade hin, die Beine unten verschränkt und sich am Staubsaugerrohr stützend, als würde er sich an einer Haltestange im Bus festhalten. Er sah Alexander einerseits erschrocken, andererseits aber auch wütend an, konnte aber auch ein kleines Grinsen nicht ganz verbergen. Aber er

wollte keinesfalls, dass Alexander dies sah. Als die Dose mit dem Mehl leer war, stellte Alexander diese in das Regal der Anlage, ging einen Schritt rückwärts zur Schwelle der Küche und sagte:

„ Du musst deinen Dienst fei gescheit machen!“

Olaf legte alles zur Seite und ging langsam auf Alexander zu. Das Schlottern in den Knien war Alexander sicher anzumerken. Doch er blieb standhaft.

Er wackelte nicht oder versuchte es mit der Flucht aus Nürnberg. Olaf streckte mit immer schnelleren Bewegungen Alexander die Hand zu, so dass Alexander im ersten Moment ganz leicht zuckte.

„Okay, du bist in Ordnung!“

Alexander nahm vorsichtig und skeptisch die Hand an, denn er hatte viel zu viel Respekt vor hinterlistigen Aktionen. War er doch nun in einem Jugendheim, wo man zwar leicht von einer dummen Situation in die andere kommen konnte, jedoch nicht wie auf der Straße davon rennen konnte, wenn es zu heiß wurde. Und dabei war es immer der negative Gedanke, an dem er festhielt. Es gab sicher auch gute, doch die schienen nicht so wichtig.

Alexander drehte sich um, lief Richtung hintere Fenster des Gruppenraumes und hatte gar nicht bemerkt, dass Paul und Bunki beim Fernseher saßen und sich eine Serie, die unter den Jugendlichen sehr beliebt war, ansahen.

Paul hatte alles beobachtet, aber er mischte sich nicht ein, obwohl er es hätte tun können.

Erst als die Sache ausgestanden war, blickte er um die Ecke nach vorne. Alexander war nicht bewusst, warum er nicht gleich zu Olaf hielt?! War es Bunki, der immer noch starr in den Fernseher glotzte, oder dachte sich Paul,


Olaf würde alleine mit Alexander fertig werden? Natürlich prügelnd.

„Warum knallst`n dem kene?“

fragte Paul.

„Weil er nicht so ein Arschloch ist wie du und weil ich mehr Grütze im Kopf habe als du,“

konterte Alexander mit einem weit ausladenden Grinsen.

Paul verzog hämisch sein Gesicht und hatte nur den Mittelfinger für beide übrig. Alexander schaute Bunki an und dann grinsten sich beide höhnisch an. Bunki drehte sich auf dem Sofa etwas seitlich, um sich Alexander ganz zuzuwenden, und sagte dann,

„er kann janz in Ordnung sein, aber manchmal ist er en totaler Witz“

Alexander blieb auch beim Fernseher und schaute sich die Serie mit Bunki zusammen an. Kaum merklich, aber doch geschehen, kam Hermann nach einiger Zeit noch dazu, sagte keinen Ton, setzte sich nur mit einem leisen Stöhnen auf das Sofa. Hermann war es völlig egal, was im Fernsehen lief, er schaute sich die Serie an und hätte er doch gerne etwas anderes gesehen, dann hätte er seine Meinung nicht geäußert. Alexander hatte ein leichtes kaum merkliches Kribbeln in seinem Bauch, das ihm das Gefühl gab, etwas glücklich zu sein. Er rollte die Augen zur Seite, um Bunki etwas zu beobachten und sah, wie dieser seine Ellenbogen ausgebreitet auf der Rückenlehne legte und eine Kippe aus seinem Mundwinkel hing. Es sah sehr locker und cool aus. Alexander dachte über das alles was geschehen war noch einmal nach. Und das allererste Mal in diesem Heim, fühlte sich Alexander für seine Härte, die er zeigte, bestätigt. Hätte ihm jetzt jemand ins Gesicht gesehen, wäre man zu dem Entschluss gekommen, er sei eingebildet. War es doch er, der in Berlin immer „der Klene“ genannt wurde. Und in seinem jetzigen Fußballverein in Nürnberg hatte man ihn Weihnachtsmann genannt und nicht selten wurde er in den Berliner Schulen verprügelt, nur weil die anderen wussten, dass er sich nicht erwehren würde. Alexander hatte nie gelernt, sofort die Hände zu heben und sich zu behaupten, da er mit täglichen Schlägen seines Vaters aufgewachsen war. Und das erste, was er dort lernen musste, war, dass er dort nicht die Hand heben konnte, denn er wäre unterlegen gewesen. Doch zog sich dies wie ein roter Faden durch seine Kindheit und Jugend.

Als Roland nach einiger Zeit auf der Bildfläche erschien, war beiden klar, dass es jetzt Zeit war aufs Zimmer zu gehen. Hermann war in der Zwischenzeit wieder unbemerkt verschwunden. In dieser Situation bewies sich allerdings, dass Alexander und Bunki doch in

den Augen der Erwachsenen doch noch mehr „Kind“ waren, als „Jugendlich“. Sie verließen den Raum nicht ohne eine längere Diskussion und Quengelei, die sich am Schluss in einer Unterhaltung ausweitete. Als es Roland endlich auffiel, dass sie nur Zeit schinden wollten und Druck machte, dass sie nach oben gehen sollten, gingen sie auch ohne weitere Zwischenfälle und einem kleinen Lächeln auf den Lippen. Es war ein Spaß wie in jeder gut gehenden Familie.

Alexander hatte sehr schnell bemerkt, dass es nicht lohnte, sich lange mit Erziehern auseinander zu setzen, doch war es immer einen Versuch wert. Als Alexander im Begriff war, seine Tür zu öffnen, kam Anton mit lautem Getöse und mit einem grellen „Hilfe!“ aus Fredls Zimmer gestürmt. Fredl rannte ihm nur bis zu seiner eigenen Türschwelle hinterher.

„Geh endlich in dein Zimmer!“

schrie ihm Fredl hinterher. - Wumm - machte es, und mit zitternder Wand knallte er seine Tür ins Schloss.

`Oh, Gott! Das kann ja Eiter werden, dachte sich Alexander und verschwand ebenfalls in seinem Zimmer. Allerdings das erste Mal mit einem wirklichen Lächeln.

Er hatte etwas Hoffnung bekommen, dass es hier doch auch gut werden könnte für ihn.


3.Kapitel

Es war Montag und alle waren schon außer Haus. Pedro, der Hauswart, saß am anderen Ende vom Tisch in der Küche und schlürfte genüsslich seinen Kaffee. Er machte aber keine Anstalten sich mit Alexander zu unterhalten, der ihm gegenüber saß. Pedro blickte nur tief in seine Zeitung und tat so als wäre er alleine.

Der Hausmeister war ein kleiner, hagerer Mann, so um die vierzig. Selbst gerade mal so groß wie Alexander. Er hatte eine Halbglatze und einer sehr drahtige Figur. Man hatte Alexander erzählt, er sei Franzose, doch so sehr Alexander auch hoffte den französischen Akzents lauschen zu können, passierte nichts.

Roland hatte Feierabend und Dagmar war neu im Dienst. Es war die Erzieherin, die Alexander schon am ersten Tag gefiel. Eine sehr gute Figur, eine sehr nette Ausstrahlung, aber diese Brille....!

Doch er hatte sie schon ins Herz geschlossen. Sie betrat die Küche, begrüßte beide und ging zur Kaffeemaschine. Sie füllte ihren großen Becher und setze sich dazu.

Sie sah Alexander kurz in die Augen, holte dann tief Luft und sagte dann:

„soweit ich weiß, musst du morgen als erstes Mal zur Schule!“

Alexander machte große Augen und starrte sie erschrocken an.

„Ehrlich?“

„Ich glaube schon.“

Fügte sie hinzu.

„Aber mach dir mal keine Sorgen, das machst du schon.“

Sofort schossen Alexander alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Er war unsicher und traurig zugleich. Er dachte an Günther, an seine Clique, aber er fand keinen persönlichen Punkt, der ihn hätte beruhigen können. War Schule doch das Schlimmste für ihn. In Berlin hatte er die Schule immer geschwänzt bzw. wenn er in der Schule war, waren für ihn Noten wohl ein dazugehöriges Übel. Seine Noten waren sehr schlecht und sein Wille zur Mitarbeit kaum vorhanden. Seine Freiheit war ihm doch viel wichtiger. Sehr oft hatte Alexander darüber nachgedacht was aus ihm mal werden sollte und er ist auch da zu der Erkenntnis gekommen, dass wenn er nicht eines Tages aufstehen würde, er ganz tief in der Gosse landen würde. Also musste er in die Schule und er hatte das Ziel, etwas zu erreichen. Und er wusste hier und jetzt in Nürnberg war seine Chance gekommen. Doch vor dem Neubeginn hatte er sehr große Angst. Keiner würde es ihm verübeln. Es war schließlich nach langer zeit ein, wieder heftiger Schritt in neue, aber auch in alte Verantwortung.

Alexander sagte nicht viel, nahm seine Tasse Kaffee in der mehr Zucker und Milch vorhanden war, verließ die Küche und ging wieder einmal in den Hobbyraum an das Atari-Spiel. Er steckte wie immer das Spiel Phönix in die Öffnung oberhalb des Gerätes und spielte drauflos.

`Wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht besser werden in diesem Spiel und vielleicht Olaf und Bunki bald schlagen.

Olaf und Bunki waren die Besten bei diesem Spiel und hatten vor, das Spiel zu überrunden und zumindest Olav hatte es auch schon fast geschafft. Doch Alexander verlor bald die Geduld und schaltete ab. Sah sich den Sandsack in der Mitte des Raumes an, stand mit einem Ruck auf und schlug auf diesen ein. Als er Schritte hörte, beendete er es sofort. Nicht weil er Angst hatte, man können sehen wie gut er sich anstellte, sondern aus Scham.

Alexander schaute sich hastig um und suchte einen geeigneten Platz, um sich zu verstecken. Reden war jetzt das Letzte was er wollte. Das geeignete Versteck fand Alexander dann auch hinter der Couch. Es dauerte keine Zehntelsekunde, dass er abgetaucht war, erschien schon ein Gesicht hinter der Tür. Alexander wollte doch nur alleine sein und seine Ruhe haben, außerdem fühlte er sich eh als würde er jeden Moment anfangen zu heulen, wenn man ihm nur eine winzig, kleine, falsche Frage stellen würde.

„Aaalexander?“

Schallte es in den Raum.

Keine Antwort.

„Aaalexander?“

Wieder nichts.

„Alexander, wo bist du?“

Doch es kam erneut keine Antwort von ihm.

„Wo steckt dieser Berliner bloß?“

Regina Siebert, von der Alexander nicht wusste, dass sie gekommen war, drehte sich auf ihren Schuhen um und lief wieder nach oben. Alexander überlegte, was er jetzt tun sollte. Nach einiger Zeit des Grübelns und Hin-und Herschauens, nahm er seine Tasse und ging auch nach oben. Eigentlich wollte er sich heimlich in sein Zimmer schleichen, doch Regina saß in der Küche, direkt an der Außenkante des Tisches, so dass sie den Flur, die Küche und den Gruppenraum in einem Blick hatte. So konnte er sich zu seinem Unglück nicht unbemerkt verdrücke. Er schaute sie an mit einem verschmitzten Lächeln und ging auf sie zu. Regina reagierte nicht großartig. Sie hatte ihre Beine über Kreuz, hielt mit der linken Hand ihre Kaffeetasse, die auf dem Tisch stand, legte ihren Kopf schräg und lächelte sehr sanft und freundlich.

„Warum hast du dich vor mir versteckt? Du brauchst doch vor mir keine Angst haben. )Ich bin Regina Siebert, deine zuständige Erzieherin. Also wenn du irgendetwas auf dem Herzen hast, dann komm zu mir. Wir reden darüber, okay?“

Sie erklärte ihm noch einige Gepflogenheiten, was ein zustständiger Erzieher für Aufgaben hatte und was Alexander für Vorteile haben könnte. Doch auch, was für Pflichten es habe für ihre Person.

In der ganzen Zeit, in der Regina redete, schaute Alexander zum Fenster und träumte vor sich hin. Er dachte wieder an Berlin, wie gerne er jetzt mit seinen Kumpels zusammen wäre und fragte sich, was sie in diesem Augenblick wohl alle machen würden? Das Schwimmbad war ja nun zu!? Vielleicht wieder eine Party bei Christian und sich sinnlos besaufen? Alexander drehte sich gerade wieder mit einem Ohr zu dem Gespräch mit Regina, als sie gerade sagte:

„Wir haben für dich eine Schule gefunden. Es ist eine Hauptschule und wir haben beschlossen, dass es für dich besser wäre, du fängst wieder mit der 8. Klasse an.“

Das Gesicht von Alexander wurde immer länger und finsterer. Er hatte ein Gefühl im Körper als würde sämtliches Blut in die Füße wandern. Seine Rückkehr nach Berlin würde dann ja noch länger dauern, so dachte er in diesem Augenblick.

„Da deine Noten so schlecht in Berlin waren, fuhr sie fort,

wirst du alle Zeit brauchen, um die schlechten aufzuholen und sie in gute umzuwandeln und einen positiven Abschluss zu erreichen. Daher auch unsere Entscheidung.“

Erst gab es eine kleine Pause, in der Regina den Blick von Alexander nicht abwandte. Dann antwortete Alexander mit einem etwas unfreundlichen, scharfen Ton,

„wird man hier eigentlich auch gefragt, ob man das so möchte, Frau Sozialpädagogin?“

Regina knickte ihren Kopf und blickte ihn an, reagierte allerdings nicht entsetzt oder enttäuscht. Sie war nicht einmal sauer. Vielleicht ein wenig erstaunt. Sie machte einen sehr souveränen Eindruck. Sie stand auf, drehte sich um ihren Stuhl, ging Richtung Kaffeemaschine und sagte,

„du kannst dir ja überlegen, ob das für dich nicht besser so ist?“

Regina war eine Frau, die immer sehr leicht auf alles eine Antwort fand. Sie war rhetorisch sehr gut geschult, obwohl nicht alle Antworten von Regina für Alexander von bestechender Logik zeugten. Am Ende war doch klar, dass Alexander eine halbe achte Klasse wiederholen sollte und er das auch verdauen musste. Er wusste auch, dass seine Noten vom letzten Zeugnis mehr als nur bescheiden waren. Mit diesen Noten hätte er höchstens die Chance gehabt, als Straßenfeger auf der Straße zu arbeiten, so wie es ihm seine Mutter immer wieder prophezeit hatte. Aber er war sich mehr Wert und wollte kämpfen.

„Wo ist denn die Schule?“

fragte Alexander.

„Unser Praktikant Richard wird dich hinfahren. Aber merk dir bitte den Weg genau, weil dich keiner abholen kommt, aber wir geben dir eine Wegbeschreibung mit “

erwiderte Regina.

„Oh, Gott! Das kann ja Eiter werden!“ stammelte Alexander leise durch seinen nicht- vorhandenen Bart und blickte zum Fenster. Konnte er ja zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass die Erzieher gerade diese Wegbeschreibung vergessen ihm zu geben und dass Alexander auch nicht mehr daran denken würde.

Er sah zu wie Regina ihre Tasse nahm und im Büro verschwand. Alexander war etwas frustriert und unterschwellig auch etwas wütend.

`Da schicken se einen in die Schule, man hat diese gottverdammte Schule in dieser gottverdammten Stadt noch nie gesehen, man soll sich den Weg aus dem Auto aus merken, um ihn dann nach der Schule selbst wieder nach Hause zu finden. Wahrscheinlich soll ich mit meiner Nase am Boden wie ein Hund nach Drogen schnüffeln?

grummelte er laut vor sich hin.

Kaum war die Tür vom Büro zu, klingelte es auch schon an der Haustür. Alexander machte keine Anstalten sich zu bewegen, um die Tür zu öffnen. Schließlich war er noch sauer.

Es klingelte das zweite Mal.

Es klingelte das dritte und das vierte Mal.

Dann öffnete sich die Bürotür und Regina streckte ihren Kopf noch einmal in die Küche. Ihr Hals wurde immer länger und mit einer quietschenden Stimme fragte sie Alexander:

„ Warum machst du die Tür nicht auf?“

„Weil du das ja nun tust,“

entgegnete ihr Alexander mit einem frostigen Ton.

Regina sagte nichts mehr, ihr Kopf verschwand aus dem Türbogen und mit großen, schnellen Schritten ging sie zur Haustür.

Die Stimme an der Haustür kam Alexander sehr bekannt vor und er war der festen Überzeugung, das könne nur die Stimme von einem einzigen Menschen sein.

Seinem Bruder. Er stand mit einem hastigen Sprung auf, so dass der Stuhl kippelnd, fast nach hinten fiel und ging zur Küchentür. Regina drehte sich um und sagte dann.

„Ahh, siehst’ Speedy, da ist er ja!“

Innerlich freute sich Alexander schon ein bisschen, aber er wollte cool und souverän wirken. Und irgendwie wusste er auch nicht wie er seinem Bruder begegnen sollte. Lachend? Ernst? Sein Bruder machte große Augen, rannte mit rechter erhobener Hand auf Alexander zu, umarmte ihn mit einem sehr festen Druck, so dass Alexander das Gefühl hatte, ihm würden gleich ein paar Rippen brechen.

„Servus, kleiner Bruder!“

Schrie er.

„Ist ja schon gut, übertreib‘ mal nicht so!“

Sagte Alexander, kaum Luft bekommend. Er drückte seinen Bruder wieder soweit von sich weg, dass die Luft auch wieder spürbar mehr wurde.

André blickte Alexander von oben nach unten an und spitze dabei seine Lippen um den Eindruck zu vermitteln, dass ihm das nicht gefiel was er sah.

„ Mein Gott, siehst du aus, du solltest dir endlich mal vernünftige Sachen anziehen.“

Hatte Alexander nur die Hälfte an Freude in seiner Freude als er seinen Bruder das erste Mal wieder sah, war sie jetzt wieder völlig verschwunden. Dieser Satz seines Bruders stieß bei Alexander auf taube Ohren, denn Alexander wollte ganz und gar keinen guten Rat von André. Klang dieser für ihn doch eher wie von einem Ersatzvater. Nicht wie von einem Bruder. Alexander drehte sich um, ging in die Küche und nahm sich seinen kalt gewordenen Kaffee. André lief ihm hinterher und fragte sogleich:

„Freust du dich nicht mich zu sehen?“

Alexander sah ihn mit versteinerten Blick an und setzte sich langsam auf die Rückenlehne des Stuhles, was im N.I.S.T. als ein Regelverstoß galt, und antwortete mit einem leichten Seufzen:

„Doch, doch. Aber ich kann selber entscheiden was ich anziehe. Und ich habe auch keine Lust mir jetzt diesen Scheiß anzuhören!“

André, der am Kühlschrank angekommen war, hielt an, machte sich breit und holte mit erhobenem Finger aus.

„Ja, ist ja gut. Aber sieh doch mal, wie du aussiehst. Deine Klamotten sind verdreckt, das T-Shirt was du trägst ist verblichen. Du siehst aus wie ein Penner.“

Alexander legte seine Hand zur Faust geballt auf den Tisch und sah André mit geschlitzten Augen an.

„Hab‘ ich nicht gerade gesagt, du sollst die Klappe halten?“

Die Unterhaltung ging noch eine Weile so. Und Alexander bemerkte, dass sein Bruder immer mehr zu einem Beschützer seines kleinen Bruders wurde. Alexander war das allerdings zuwider und wehrte sich auch energisch dagegen dies zuzulassen. Hatte er sich doch gerade eine gute Position im N.I.S.T. aufgebaut – nach der Sache mit Olaf.

Als Andrè gegangen war, war Alexander sehr froh, dass sie dieses Gespräch beendet hatten. Es ist ihm allerdings aufgefallen, dass alle Jugendlichen, die zwischendrin nach Hause kamen, Speedy freundlich begrüßten. Wenn nicht sogar manche überfreundlich. Vielleicht war das aber auch eine Art Respekt vor den Ex- N.I.S.T.’ lern oder André’s körperliche Breite? Olaf, der es sich im Gruppenraum gemütlich gemacht hatte und in die Röhre glotzte, rief Alexander bzw. er signalisierte ihm mit dem Finger, dass er kommen sollte. Alexander reagierte auch und lief auf ihn zu, allerdings versuchte er seine Unsicherheit zu überspielen, indem er langsam durch den Gruppenraum schlenderte und dabei die Zigaretten in seiner Packung zählte.

„Kann ich dich mal etwas fragen?“

sagte Olaf, sah ihn dabei aber nicht an, sondern blickte weiter zum Fernseher, seine Füße waren auf den Tisch gelegt und er hatte es sich, ganz lässig mit einem Aschenbecher in der einen Hand und einer Zigarette in der anderen, auf der Couch gemütlich gemacht.

„Ja, warum nicht“,

antwortete ihm Alexander und machte dabei ein erwartungsvolles Gesicht. Er fragte sich, was jetzt wohl für eine Frage kommen mag, denn schließlich war Alexander sehr unsicher.

Olaf machte mit der Fernbedienung, die neben seinem Bein lag, den Fernseher leise, schnippte die Asche von seiner Zigarette und machte ein sehr ernstes Gesicht.

„Wie ist das eigentlich wenn du hier im N.I.S.T. mal mit einem anderen Probleme bekommst? Holst du dann gleich deinen Bruder?“

Alexander setzte sich langsam neben Olaf, achtete dabei auch nicht, ob es Olaf recht war oder nicht. Er zog sich langsam eine Zigarette aus seiner Schachtel, nahm sich das Feuerzeug von Olaf, das auf dem Sofa neben ihm lag und zündete sie sich an. Alexander versuchte sich lässig zu geben und fletschte sich auch auf die Couch, aber nicht ohne sicheren und respektvollen Abstand zu Olaf.

Der Blick, den Alexander Olaf vermittelte war unübersehbar, auch von einer gewissen unterschwelligen Wut gekennzeichnet.

„Nein, ganz sicher nicht!“

konterte Alexander.

„Denn wenn sich einer mit mir anlegen möchte, dann brauche ich ganz bestimmt nicht meinen Bruder, um denjenigen eine in die Fresse zu hauen. Alles klar?“

Im selben Augenblick als Alexander den Satz beendete, erschrak er auch schon über sich selbst. Was hatte er getan? Was würde jetzt kommen? Sein Magen spielte Achterbahn. Seine Hände fingen an zu schwitzen und seine Zigarette war völlig Wurscht und verqualmte. Innerlich schloss er mit seinem Leben ab.

Doch rein äußerlich war von alledem nichts zu sehen. Er fletschte sich weiterhin cool auf der Couch.

Olaf blickte seitlich nach oben und auch ein kleines Grinsen konnte er sich nicht verkneifen.

„Okay. Ich wollte es auch nur wissen.“

Als Alexander am späten Abend in seinem Bett lag, dachte er noch einmal über die Situation nach, aber er war nicht mehr sauer darüber. Eher froh, dass Olaf ihm damit klar machte, wenn er so reagieren würde, hätte er nur noch schlechte Karten in diesem Heim.

Es war 23 Uhr und schon vor einer Stunde war Zimmerruhe. Alexander stand auf, zog sich eine Hose an, ging aus seinem Zimmer und lief zu der quer gegenüberliegenden Tür. Es war die Tür von Olafs Zimmer. Er klopfte an und wartete darauf, dass Olaf eine Antwort kam:

„Ja?“

fragte es dumpf aus dem Zimmer. Alexander öffnete langsam die Tür und sah sich um, bis seine Augen Olaf fixierten. Es war das größte Zimmer im Haus, mit zwei Fenstern, die auf der Seite der Dachschräge lagen. Dieses Zimmer und auch das Zimmer ganz unten in der Parterre, in das Hermann Zug wohnte, hatten ein eigenes Waschbecken. Alexander war auch darüber erstaunt, dass das Zimmer von Olaf sogar „zwei“ Waschbecken hatte. Olaf hatte sich zwei große Matratzen in die eine Ecke des Zimmers unter ein Fenster gelegt. Er stütze seinen Kopf in seine Hand und blickte Alexander erwartungsvoll an. Alexander ging noch ein kleines Stück mehr in das Zimmer und flüsterte dann:

„Kann ich dich jetzt mal etwas fragen?“

Olaf nickte nur, aber erwiderte nichts darauf.

„Was hältst du eigentlich von mir, Olaf?“

Olaf zog sich in seinem Bett etwas zurück und signalisierte Alexander dann etwas näher zu kommen und sich mit auf das Bett zu setzen. Einen kleinen Moment lang blieb es ruhig im Zimmer und dann antwortete er Alexander.

„Es gibt hier eine Menge Typen, die glauben, viel ´drauf zu haben, aber keiner hat wirklich Courage!“

„Ja und?“

„Ich glaube, du hast Courage! Aber bilde dir jetzt nichts darauf ein, dass ich dir das gesagt habe, klar!“

Alexander brachte ihm nur ein verschwitztes Lächeln entgegen und meinte dann.

„Nein, ganz sicher nicht, Olaf.“

Er verschwand wieder in seinem Zimmer. Die Nacht verlief recht ruhig, was nicht immer der Fall war. Ab und zu hörte Alex ein leises Krabbeln über seinem Bett. Es waren Ratten, die in der Dachschräge ein neues Zuhause gefunden hatten. er dachte mit Wehmut daran, dass der Hausmeister Rattenköder auf dem gesamten Dachboden verteilt hatte. doch die Ratten waren wohl zu schlau! Alex schlief ein und man konnte fast glauben, er fühlte sich sehr wohl, trotz der Gedanken, morgen in die Schule zu müssen.


4. Kapitel

Am Morgen piepste sein Wecker um halb sieben. Es war ein sehr leises Piepsen, doch Alex hatte keinen so festen Schlaf und wachte deshalb auch schnell auf. Er war ein Frühaufsteher, was so manchen schon den Nerv kostete. War es doch er, der am Wochenende immer früher auf war als alle anderen!

Als er sich gewaschen hatte und angezogen war, ging er in die Küche. Der Tisch war sehr liebevoll gedeckt, und es gab von allem reichlich. Manni und Olaf saßen schon an ihrem Platz und schlürften genüsslich ihren Kaffee. Thomas, der als Diensthabender übernachtete, ging auf Alex zu und streichelte ihm über den Kopf.

„Hast du gut geschlafen?“

„Ja, ja!“

Im ersten Augenblick dachte Alex, Thomas sei vom „anderen Ufer“. Aber er war es keineswegs. Es war einfach seine Art, so einfühlsam zu sein! Und Alex erkannte auch bald seine Vorzüge sowie Gegensätze. Thomas konnte auch sehr streng werden, zum Beispiel wenn man ihn zu sehr mit einer Angelegenheit nervte. Doch bis man das schaffte, brauchte es sehr lange Zeit. Vielleicht hatte Alex ihn deshalb bald in sein Herz geschlossen.

Gegen sieben Uhr kam Ringo und begrüßte alle mit einem lauten und durchschlagenden „Guten Morgen, Leute!“

„Guten Morgen, Ringo!“ schallte es im Chor zurück, und alle hatten ein Lächeln auf den Lippen. Außer bei Hermann, der ja eh nie etwas von sich gab. Alex beschäftigte das sehr. Ringo war der Liebling aller Jungs, doch das war sicher nicht so, weil Ringo sich manchmal wie ein Pausenclown verhielt, sondern weil er einen sehr jungen und lebensfreudigen Eindruck machte. Er stürzte auf Alex zu und streckte ihm die Hand entgegen, so dass Alex innerlich zusammenzuckte.

„Du bist also der Neue?“

„Ja!“

„Und ich bin jetzt öfter da!“

Ringo lächelte und setzte sich an den Tisch.

Es waren schon fast alle Jungs in der Schule oder bei der Arbeit, außer Anton, der sich ziemlich viel Zeit ließ. So war es nicht verwunderlich, dass ihn Thomas ein duzend Mal darauf hinwies, endlich zur Schule zu gehen. Nach großem Gemaule tat er es dann auch, obwohl die beiden Erzieher sehr skeptisch waren, dass er wirklich hin ging. Schließlich war Anton dafür bekannt, jeden zweiten Tag die Schule zu schwänzen.

Kaum dass Alex sich versah, saß er selber schon in der Schule, nachdem Ringo ihn hingefahren hatte. Seine Probleme lagen eigentlich nicht in der Schule. Trotz anfänglicher Anpassungsschwierigkeiten, immerhin war er ja nun ´mal Berliner, hatte er es doch bald geschafft, sich zu rehabilitieren. Ganz allmählich genoss er ein hohes Ansehen bei seinen Klassenkameraden.

Alex war eher auf Ringo wütend, da er ihm nur eine unpassende Antwort gab, als er ihn fragte, wie er nach Hause kommen solle.

„Das liegt bei dir! Ich habe dir ja gesagt, du sollst dir den Weg merken!“

Trotz schweren Schluckens blieb Alex vor Ringo ganz cool. Doch die Anderen, die ihn umgaben, mussten einen sehr muffeligen Gesichtsausdruck entgegen nehmen. Als um 13 Uhr die Schule vorbei war, hatte Alex nur einen einzigen Wunsch:

„Wenn ich diesen Arsch in die Finger bekomme!... Ringo!... Ringo, dieser...!“ Seine Ausdrücke verschlang er lieber da er wusste wie laut es werden könnte.

Ein Schüler, die sich mit Alex recht gut verstanden hatte, begleitete ihn noch bis zur richtigen Straßenbahn, was Alex ihm sehr hoch anrechnete. Aber gedanklich hatte Alex mit der Schule an diesem Tag schon abgeschlossen. Der Junge hieß Mathias und war ein Kopf kleiner als Alexander.

Dies war für Alexander schon ungewöhnlich. War es doch immer er, der viel kleiner war als all seine anderen Freunde früher. Mathias fragte Alexander was es so in Berlin gab und wie es war dort zu leben. Alexander holte nicht sehr weit aus, sondern erzählte ihm die Geschichte mit seinem Freund Günter und den Erlebnissen die sie mit einem gewissen Fahrrad in der Nacht gemacht hatten............

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